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Ausgabe Frühjahr 2020

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Windenergie

Marktanalyse zu den Potenzialen des Rückbaus von Offshore-Windlagen

BEITRAG VON Mirko Kruse

Windkraft, sowohl onshore als auch offshore, wird eine zentrale Rolle bei der notwendigen Transformation des europäischen Energiesystems spielen. Dies ergibt sich zum einen aus der Substitution fossiler Energieträger durch solche aus erneuerbaren Quellen: Windenergie produziert etwa 175 Mal weniger CO2 als moderne Gaskraftwerke. Zum anderen ist das Ausbaupotenzial für Windkraft besonders auf See noch lange nicht ausgeschöpft: Bis 2030 wird erwartet, in Europa zusätzliche 70GW durch Offshore-Windanlagen erzeugen zu können.

Weniger im Fokus des Interesses stand dabei bisher allerdings, wie der Rückbau dieser Anlagen organisiert werden soll. Rückbau scheint auf den ersten Blick zwar kontraintuitiv zu sein, wird aber zunehmend wichtig. Während moderne Windkraftanlagen an Land eine Haltbarkeit von rund 30 Jahren aufweisen, ist diese auf hoher See aufgrund der erschwerten Wetterbedingungen und aufwändigen Wartung deutlich niedriger und wird eher mit 20-25 Jahren beziffert. Dass in der Nordsee mehrere Offshore-Anlagen stehen, die in den kommenden Jahren dieses kritische Zeitfenster erreichen, ist eine der zentralen Aussagen einer Marktanalyse, die das HWWI im Rahmen des Projekts DecomTools verfasst hat.

Dieses Projekt, gefördert vom Interreg Nordsee Programm der Europäischen Union (EU), hat zum Ziel, einen nachhaltigen Ansatz zum Rückbau von Offshore-Windanlagen zu entwickeln. Gemeinsam mit 13 Partnern aus unterschiedlichen Ländern an der Nordsee werden Konzepte zu Logistik, zur Optimierung bestehender Infrastrukturen und zur Senkung sowohl der Kosten als auch der CO2-Emissionen des Rückbauprozesses im Projekt erarbeitet.

Hinsichtlich des Rückbauzeitraums zeigt sich in der Marktanalyse, dass im Nordseeraum zwei kommende Zyklen unterschieden werden können. Eine erste Phase setzt ab 2020 mit 22 zurückzubauenden Turbinen ein und steigert sich bis 2023 mit 123 Turbinen stetig. Allgemein bleiben die Zahlen in dieser ersten Phase noch überschaubar, dieser Zeitraum kann daher als Testphase betrachtet werden, neu entwickelte Lösungen praktisch zu erproben. Der zweite Rückbauzyklus beginnt zum Ende des Jahrzehnts, wenn 2029 234 Turbinen abgebaut werden müssen und in den nachfolgenden Jahren die Zahlen sogar bis auf 1.067 (2030) Turbinen in einem Jahr ansteigen.

Die Relevanz des Themas Rückbau ist dabei nicht nur auf Offshore-Windanlagen beschränkt, sondern umfasst ebenso andere Offshore-Infrastrukturen. Weiterhin werden sich auch andere Länder außerhalb der EU zeitversetzt mit denselben Herausforderungen konfrontiert sehen, wenn ihre Anlagen in ein kritisches Alter kommen. Europa hat daher an dieser Stelle die Chance, den Standard zu etablieren, der später auch in anderen Regionen Anwendung findet. Zudem ist hiermit die Chance verbunden, Knowhow und Wertschöpfungspotenziale des Rückbaus in Europa nicht nur zu akkumulieren, sondern langfristig zu binden. Besonders Hafenstandorte wie in Norddeutschland, die unter den Folgen der Deindustrialisierung leiden, können hier profitieren.

Für einen reibungslosen Ablauf des Rückbaus der Offshore-Anlagen in der Nordsee sind jedoch noch einige Hindernisse auszuräumen. So sind die rechtlichen Rahmenbedingungen zwischen den einzelnen Nordsee-Anrainerstaaten unterschiedlich geregelt und widersprechen sich in Einzelheiten sogar. Zwar ergibt sich aus den Betriebsgenehmigungen der Anlagen die Verpflichtung zum Rückbau, unklar bleibt dabei allerdings, wie umfangreich dieser umzusetzen ist. Ob die Betonfundamente der Anlagen also beispielsweise an ihrem Platz bleiben dürfen während nur die Aufbauten entfernt werden oder was mit den Stromkabeln auf und im Meeresgrund passiert, ist bisher nicht einheitlich geregelt. Eine einheitliche Regelung würde an dieser Stelle Planungssicherheit nicht nur für Rückbauunternehmen, sondern auch für Anlagenbetreiber schaffen. Hinzu kommt, dass bisherige Rückbauprojekte einen Mangel an Dokumentation offengelegt haben. So waren beispielsweise die verwendeten Materialien der Anlagen nicht im Einzelnen aufgeführt und auch die Menge des verwendeten Betons im Fundament lag deutlich höher als ursprünglich angenommen. Besonders in Hinblick auf Recycling eines möglichst hohen Anteils der verwendeten Materialien ist die Unkenntnis über deren genaue Zusammensetzung ein erschwerender Faktor. Zudem sind Verfahren zum Recycling von Verbundmaterialien, wie sie in den Flügen der Anlagen verwendet werden, noch in der Entwicklung. Das Projekt DecomTools wird auch hierzu einen Beitrag leisten.

Die Marktanalyse ist weithin positiv aufgenommen worden und hat Verbreitung in mehreren Zeitschriften und internationalen Blogs und Webseiten gefunden. Am 31. März wird zudem bei der Konferenz "Decom2020" im schottischen Aberdeen ein Papier vorgestellt, das die Ergebnisse der Marktanalyse im wissenschaftlichen Kontext zur Diskussion stellt. Die Relevanz des Themas beschränkt sich dabei nicht nur auf kommende Geschäftsfelder, unter anderem für norddeutsche Häfen. Auch im aktuell geführten Nachhaltigkeitsdiskurs ist ein schonender und effizienter Rückbau von Offshore-Windanlagen von hoher Relevanz, um den geringen ökologischen Fußabdruck dieser Form der Energieerzeugung nicht durch den ineffizienten Einsatz dieselgetriebener Spezialschiffe und Deponierung statt Recycling zurückgebauter Materialien nicht negativ zu beeinflussen.

Als weitere Schritte im Projekt DecomTools wird in Kürze der bereits veröffentlichten Marktanalyse eine Analyse aus Stakeholdersicht an die Seite gestellt, die explizit auf Erfahrungen, Erwartungen und Wünsche der beteiligten Akteure im Nordseeraum abstellt. Zusammengenommen wird damit eine umfangreiche Übersicht über den Status Quo gezeichnet und Ansatzpunkte für notwendigen Anpassungen genannt. Diese sollen im nächsten Jahr zudem in einer dritten Analyse weiter ausgeführt werden.

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Autor

Mirko Kruse

Publikation

Market Analysis Decom Tools 2019

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