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"Machtlosigkeit ist wahrscheinlich das größte politische Problem unserer Zeit."

Exklusives Gespräch mit Harold James, Professor an der Princeton University

In seinem Buch "Euro: Der Kampf der Wirtschaftskulturen" beschreibt Wirtschaftshistoriker und Princeton-Professor Harold James gemeinsam mit seinen Co-Autoren, den Ökonomen Markus Brunnermeier und Jean-Pierre Landau, die Kernprobleme des Euros als Resultat unterschiedlicher Wirtschaftskulturen in den Euroländern, die es zu überwinden gilt. Im Gespräch mit HWWI-Direktor Henning Vöpel verbindet Harold James die aktuellen weltpolitischen und technologischen Entwicklungen mit einer mit einer ideengeschichtlichen Reflexion in Bezug auf Deutschland und Europa. Dabei zeigt er die vielen Parallelen zwischen vergangenen Finanzkrisen und der von 2008 auf und verweist auf notwendige Anpassungen zur Teilhabe Aller am demokratischen Prozess.

Henning Vöpel: Harold James, wir leben in einer Zeit der fundamentalen Umbrüche und Unsicherheit. Wir kennen die nahe Zukunft nicht und verstehen zugleich die Gegenwart nicht. Können Sie als Historiker diese Phase des Übergangs für uns in eine größere Zeitdimension einordnen, damit wir besser verstehen, was aktuell passiert?

Harold James: Die Zeit, in der wir heute leben, ist die Zeit nach der Finanzkrise von 2008, die einen großen Einschnitt bedeutet und sich parallel zu einer Zeit voller technologischer Umbrüche ereignete. Denken Sie beispielsweise an die Einführung des iPhones als erstes Smartphone Anfang 2007. Die heutige Ungewissheit nach der Finanzkrise von 2008 lässt durchaus einen Vergleich mit der Unsicherheit vergangener Zeiten nach großen Finanzkrisen zu. Ich möchte da an die Dreißigerjahre oder auch an 1907 erinnern. Beides waren Zeiten, die geprägt waren von einer angespannten Atmosphäre und auf die große Kriege folgten. Heute sind wir sicherlich nicht mit der unmittelbaren Gefahr eines Krieges konfrontiert, allerdings erleben wir auf internationaler Ebene eine sehr viel angespanntere Atmosphäre. Die Gegensätze sind klar und deutlich zu spüren, was große Risiken mit sich bringt.

Henning Vöpel: Nach meiner Wahrnehmung erleben wir heute eine interessante Koinzidenz, nämlich politisch das Ende der Nachkriegsordnung und technologisch den Übergang vom Industriezeitalter in ein digitales Zeitalter. Wie sind Gesellschaften und Staaten früher mit so tiefen Umbrüchen umgegangen? Und was können wir für die politische Neuordnung lernen? 

Harold James: Heute stellt sich zum Beispiel die Frage, wie man Demokratie mit technologischem Wandel verbindet, auf eine völlig neue Weise. Zwar wurde auch vor hundert Jahren eine Demokratiedebatte geführt, allerdings geht es heute – da sich Demokratie längst etabliert hat und ein gängiges Modell ist – um andere Fragen wie der Ausgestaltung und der Anpassung an die heutigen Bedürfnisse der Bürger. Eine häufig gestellte Frage ist beispielsweise die, ob wir mehr direkte Demokratie brauchen. Als ein mögliches Resultat von mehr direkter Demokratie kann jedoch das Ergebnis des Brexit-Referendums betrachtet werden, was zu der Frage führt, wie wir die neuen Technologien für demokratische Prozesse nutzen wollen, um mehr Bürger daran teilhaben zu lassen. Die Effekte dieser Technologien auf die Demokratie sind heute sehr ungewiss. Denn das Gefühl, das die Leute haben, ist dasselbe wie vor hundert Jahren: Viele Menschen fühlen sich irgendwie abgekoppelt und machtlos. Und dieses Gefühl Machtlosigkeit ist wahrscheinlich das größte politische Problem unserer Zeit.

Henning Vöpel: Das führt geradewegs zu der Frage, wie wir in Europa weitermachen sollten. Viele Menschen in Europa haben die Befürchtung, dass wir uns auf unserem Kontinent zu sehr mit unseren eigenen Problemen beschäftigen, anstatt auf globaler Ebene eine starke Repräsentanz Europas zu finden und gemeinsame Positionen und Werte zu vertreten. Sie haben gemeinsam mit Ihren Co-Autoren Markus Brunnermeier und Jean-Pierre Landau ein sehr eindrucksvolles Buch über den Euro und die unterschiedlichen Wirtschaftskulturen in den Euroländern geschrieben. Sollte Europa nun das Tempo rausnehmen oder – ganz im Gegenteil – darauf hinwirken, mehr Stärke zu gewinnen und in der nächsten globalen Ordnung eine entscheidende Rolle zu spielen?

Harold James: Ein wichtiges Thema in unserem Buch war die Kraft Europas, sich in Krisen neu zu bilden und zu formieren. Mit der Wahl Trumps und dem Brexit-Referendum stehen wir seit 2016 wieder vor zwei gewaltigen Herausforderungen, die auch Europa massiv betreffen. Wenn Europa keine Antwort auf diese Herausforderungen findet, ist das wahrlich ein Armutszeugnis. Aber man sieht Ansätze, diesen Herausforderungen zu begegnen. Beispielsweise als 2017 als Reaktion auf das Ergebnis der US-Präsidentschaftswahlen in den Niederlanden die Unterstützung für die populistischen Parteien zunächst zurückging oder als Marine Le Pen eine Kehrtwende in ihrer Europapolitik machte und ihre Pläne für einen Frexit aufweichte. Sie schien erkannt zu haben, dass Alleingänge auf nationaler Ebene von weiten Teilen der Wählerschaft eben doch als wenig zielführend erkannt werden. Allerdings ist aktuell durchaus denkbar, dass Italien mit seiner anti-europäischen Haltung für aufkommende nationalistische Tendenzen in Europa noch ein weiteres Beispiel liefern wird.

Henning Vöpel: Auch in Deutschland erleben wir momentan eine zwar diffuse, aber doch spürbare Veränderung in der Gesellschaft. Aktuell sitzen sieben Parteien im Parlament, was vielen Menschen ein Gefühl der politischen Instabilität vermittelt, nachdem die Bonner Republik im Wesentlichen aus drei Parteien bestand. Und auch ökonomisch, so scheint es, wird gerade von der Mittelschicht die Frage gestellt, wie stabil ihre Zukunft noch ist, was gerade in den letzten Wochen zunehmend auch politischen Ausdruck findet. Instabilität mögen die Deutschen wahrscheinlich weniger als Autorität. Sie haben sich in Ihren Arbeiten viel mit Deutschland und seiner Wirtschaftsgeschichte beschäftigt, wie schätzen Sie daher die Lage ein?

Harold James: Das ist schon ein wenig widersprüchlich, denn im ökonomischen Sinne ist die Situation in Deutschland heute das Gegenteil von jener, die während der Weimarer Republik herrschte. Heute erleben wir eine Zeit der hohen Wachstums- und Beschäftigungsraten. Wir beobachten einen Mangel an Arbeitskräften, nicht an Arbeitsplätzen, sodass meinen könnte, die Gegenwart sei rosig. Aber auf der politischen Ebene sehen wir eine Zersplitterung. Die alten Parteien aus dem 19. Jahrhundert, mit der Zentrumspartei als Vorgängerin der CDU und die SPD verlieren immer mehr an Zustimmung, weil die untermauernden Gedanken nicht mehr aktuell sind: Christliche Demokratie nicht mehr, weil der Glaube nicht mehr so präsent und stark ist wie im 19. und frühen 20. Jahrhundert, und die SPD, weil sich die Bevölkerungsstruktur verändert hat. Heute ist die SPD keine Arbeiterpartei mehr, sondern vielmehr eine Partei der Beamten und Lehrer. Für beide Parteien gilt, dass ihr ursprüngliches Milieu nicht mehr existiert, und Alternativen sind rar. In Frankreich hat Macron einen Populismus der Mitte geschaffen. Aber so etwas fehlt in Deutschland gegenwärtig.

Henning Vöpel: Haben es die Sozialdemokraten und Konservativen versäumt, die liberale Demokratie im Sinne einer globalen und digitalen Gesellschaft neu zu definieren und ihre Programmatik anzupassen?

Harold James: Ja, denn das müsste in der Tat aus einer neuen Richtung kommen und ist genau das Macron-Phänomen. Matteo Renzi hat dies teilweise Italien versucht, aber war damit nicht sehr erfolgreich. Dies alles zeigt, dass wir historisch tatsächlich an einem kritischen Punkt sind.

Henning Vöpel: Harold James, haben Sie ganz herzlichen Dank für das Gespräch.

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Das Gespräch führte

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Zur Person

Harold James ist Professor für Geschichte und Internationale Politik an der Universität von Princeton in den USA. In seinen Forschungsarbeiten beschäftigt er sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzgeschichte sowie mit der jüngeren europäischen Geschichte. Im Jahr 2004 erhielt er den Helmut-Schmidt-Preis für Deutsch-Amerikanische Wirtschaftsgeschichte und 2005 den Ludwig-Erhard-Preis für seine Errungenschaften im Bereich Ökonomie. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen zählen Family Capitalism (2006), The Globalization Cycle (2009) und Making the European Monetary Union (2012).