BDO International Business Compass 2017

Offenheit als Standortfaktor

Studie von Hendrik Hüning, Konstantin Poensgen, André Wolf

Im Auftrag der BDO AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft hat das HWWI nun bereits zum sechsten Mal den BDO International Business Compass (IBC) erstellt. Der IBC ist ein jährlich aktualisierter Länderindex zur Bewertung der Standortattraktivität von Ländern aus Unternehmensperspektive. Im diesjährigen Themenschwerpunkt Offenheit haben wir die Bedeutung von Handelsoffenheit als Standortfaktor in das Zentrum der Analyse gerückt. Das ist vor allem eine Reaktion auf die gegenwärtige Entwicklung.

Die lange Zeit dominierende Vorstellung, dass Globalisierung einen naturgegebenen, quasi unumkehrbaren Prozess darstellt, hat in jüngster Zeit Risse bekommen. Das liegt zum einen an einem deutlichen Verlust an Dynamik im Welthandel. Zum anderen liegt es an einem Wiedererstarken protektionistischer Kräfte auf politischer Ebene, gerade auch in den westlichen Ländern. Offene Märkte bleiben aber für international agierende Unternehmen eine entscheidende Grundlage ihrer Expansionstätigkeit. Dies gilt insbesondere für Unternehmen mit global ausgerichteten Exportstrategien. Mittelbar gilt es jedoch auch für solche Unternehmen, die an sich zwar weniger exportorientiert sind, deren Produktionsketten sich aber zur Nutzung von Kostenvorteilen über viele Länder erstrecken. Denn neben dem Handel mit Endprodukten hat über die letzten Jahrzehnte gerade auch der grenzüberschreitende Austausch von Vorleistungen und Zwischenprodukten stetig zugenommen. Eine Hinwendung zum Protektionismus droht damit mittelfristig auch über lange Zeiträume entstandene Wertschöpfungsketten zu zerstören.

Hier setzt der Themenschwerpunkt des IBC 2017 an. In der Studie wurden zunächst deskriptiv Länder und Weltregionen im Hinblick auf den aktuellen Status und der Entwicklungstendenzen ihrer Offenheitsgrade verglichen. Da das Konzept der Offenheit nicht eindeutig zu definieren ist beziehungsweise eine Vielzahl an Dimensionen annimmt, wurden hierfür mehrere Indikatoren genutzt. Konkret wurde zwischen ergebnisorientierten Maßen unterschieden, die auf beobachteten Handelsströmen basieren, und politikorientierten Maßen, die die Instrumente der Handelspolitik (Zölle und nicht-tarifäre Handelshemmnisse) in den Blick nehmen.

Die Ergebnisse zeigen, wie stark sich die Länder global im Hinblick auf das Ausmaß an praktiziertem Protektionismus unterscheiden. Dies gilt weitgehend unabhängig davon, wie man Offenheit konzeptualisiert. Sowohl bei Verwendung eines auf realen Handelsströmen basierenden Indikators als auch bei Heranziehung von direkten Maßen der politisch-administrativen Barrieren erscheinen Nordamerika und Europa als die global offensten Regionen. Die höchsten Zollmauern und zugleich auch die geringsten Handelsintensitäten finden sich dagegen aktuell in Afrika sowie in der Karibik, in Zentralasien und Teilen Südamerikas. Mit Abstand am stärksten gestiegen ist die Handelsintensität in China und Vietnam. Im Hinblick auf den Zollabbau haben sich über die letzten fünfzehn Jahre vor allem einige nordafrikanische Länder hervorgetan.

In der aktuellen Studie wurde zudem eine ökonometrische Analyse des Zusammenhangs zwischen Offenheitsgrad und Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt) auf Grundlage eigens entwickelten weltweiten Datensatzes durchgeführt. Auf diese Weise konnten die langfristigen Auswirkungen einer Erhöhung der Importzölle auf die Wirtschaftsleistung von Ländern simuliert werden. Die Simulationen haben gezeigt, dass global betrachtet höhere Importzölle für ein Land im Schnitt mit geringerem Pro-Kopf-Produkt verbunden sind. Damit bestätigte die Studie die Ergebnisse eines Großteils der vorhandenen Forschungsliteratur. Die Analyse stellte aber im Rahmen einer differenzierteren Analyse fest, dass die Art des Zusammenhangs sowohl abhängig vom Ausgangsniveau der Zölle als auch vom betrachteten Wirtschaftsraum ist. Bei sehr niedrigen Ausgangszöllen ist nach eigener Schätzungen der zu erwartende Effekt einer Zollerhöhung noch positiv. Erst wenn der Zollsatz ein gewisses Niveau erreicht, kehrt sich der Effekt ins Negative. Wann dies der Fall ist, ist wiederum regionsspezifisch. Für die Länder Asiens und Osteuropas wird der Effekt als fast durchweg negativ geschätzt, während für Lateinamerika auf der anderen Seite auch bei relativ hohen Ausgangsniveaus noch positive Effekte erwartet werden.

Die beispielhaften Simulationsergebnisse zeigen, dass eine Zunahme der Zollschranken ausgehend von den aktuellen Niveaus so räumlich sehr diverse Wirkungen entfalten könnte. Wahrscheinliche Ursache dieser differenzierten Wirkungsweise ist zum einen die Existenz verschiedener zum Teil gegensätzlicher Einflussfaktoren, über die zunehmende Offenheit auf eine Volkswirtschaft wirken kann. Zum anderen ist es die Heterogenität der Wirtschaftsstrukturen, die unterschiedliche Länder in unterschiedlicher Form von Anpassungen in der Handelspolitik betroffen sein lässt.

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Autor

Dr. André Wolf

Studie

BDO IBC 2017
Update und Themenfokus Offenheit

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