Familienpolitik

Elterliche Erwerbstätigkeit und Kinderbetreuung in Hamburg: Entwicklung und Zusammenhänge im Kontext knapper werdender Fachkräfte

Studie von Christina Boll und Andreas Lagemann

Das HWWI hat im Auftrag des Hamburger Fachkräftenetzwerks, der Handelskammer Hamburg und der „Hamburger Allianz für Familien“ eine Studie zur Entwicklung von elterlicher Erwerbstätigkeit und Kinderbetreuung in Hamburg vorgelegt.

Kernergebnisse

Die Kinderbetreuungsinfrastruktur in Hamburg wurde im Beobachtungszeitraum 2006-2014 schrittweise ausgebaut. Hamburg belegte bei Betreuungs- und Ganztagsquoten im Jahr 2014 Spitzenpositionen unter westdeutschen Bundesländern. Der Betreuungsausbau wird von Hamburger Eltern gut angenommen: Die Betreuungsquoten im Krippen- und Elementarbereich sind kontinuierlich gestiegen. Die dynamische Entwicklung der Erwerbsbeteiligung unter Hamburger Eltern belegt deren hohe Erwerbsneigung und Qualifikation, die sie als Fachkräfte für Arbeitgebende attraktiv macht. Gleichlaufende Aufwärtstrends bei Kinderbetreuung und Beschäftigung verzeichnen auch Hamburgs Bezirke. 

Die meisten Eltern in Hamburg sind weiterhin verheiratet, jedoch gewinnen Lebensgemeinschaften an Bedeutung. Unverändert hoch ist die Zahl alleinerziehender Mütter in Hamburg. Zudem nahm der Anteil von Eltern mit einem jüngsten Kind im Krippenalter zwischen 2006 und 2014 zu. Viele und junge Kinder, niedrige Bildung, ein Alleinerziehenden-Status und eine ausländische Nationalität reduzieren die Erwerbswahrscheinlichkeit von Eltern. Dabei ist der Familienzusammenhang für Väter weniger relevant als für Mütter.

Sowohl Anzahl als auch durchschnittliches Bildungsniveau erwerbstätiger Eltern sind gestiegen. Insbesondere die mütterliche Erwerbstätigkeit zeigte in den letzten Jahren einen starken Aufwärtstrend, jedoch von weit niedrigerem Niveau als die der Väter. Im Jahr 2014 waren 91,7 % der 25- bis 49-jährigen Väter und 70,7 % der gleichaltrigen Mütter erwerbstätig. Unter Müttern mit Kindern im Krippenalter war die Entwicklung hier zuletzt am dynamischsten, ihre Erwerbstätigenquote nahm zwischen 2010 und 2014 um 15 Prozentpunkte zu.

Auf der anderen Seite war die Zahl nichterwerbstätiger Eltern insgesamt rückläufig. Dabei waren Eltern ohne abgeschlossene Ausbildung weiterhin deutlich seltener erwerbstätig als höherqualifizierte Eltern. Vor allem geringqualifizierte Mütter fielen zuletzt wieder zurück. Insgesamt werden die Fachkräftepotenziale unter Eltern in Hamburg inzwischen besser ausgeschöpft, aber noch immer liegen nennenswerte Potenziale brach: 2014 waren 28.589 Mütter mit mittlerem oder hohem Bildungsabschluss nicht erwerbstätig.

Teilzeit ist unter Müttern weiterhin verbreitet. 2014 arbeiteten rund 6 von 10 Müttern mit reduzierter Wochenarbeitszeit, auch unter Akademikerinnen. Bei Müttern von unter Dreijährigen ist die Teilzeitquote am geringsten und liegt deutlich unter Bundesdurchschnitt. Bei Müttern älterer Kinder zeigt sich jedoch ein starkes Verharren in Teilzeit. Allerdings hat die Bedeutung großer Teilzeit unter Müttern zugenommen: 2014 arbeiteten rund drei Viertel der teilzeitbeschäftigten Mütter zwischen 20 und 31 Wochenstunden. Unter Vätern hingegen bleibt Teilzeit eine Randerscheinung. Väter arbeiten jedoch häufiger zu atypischen Zeiten als Mütter.

Signifikante statistische Zusammenhänge des Betreuungsausbaus zu Erwerbshäufigkeit und Wochenarbeitszeit von Müttern zeigen sich sowohl bundesländerübergreifend als auch für Hamburg. Alleinerziehende und geringqualifizierte Mütter reagieren dabei schwächer, hochqualifizierte Mütter teilweise stärker auf den Betreuungsausbau.

Fazit und Implikationen für Wirtschaft und Politik

Die Erwerbsdynamik unter Eltern und die gemessenen signifikanten Zusammenhänge zum Betreuungsausbau deuten auf einen gewissen Einfluss von Politik auf elterliches Verhalten hin. Allerdings ist der Wirkungsspielraum des Betreuungsausbaus begrenzt: Auch Qualifikation und Erwerbspräferenzen der Eltern sowie wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen spielen eine wesentliche Rolle.

Handlungsbedarf besteht bei Fachkräftepotenzialen und Teilzeit: Es ist zu prüfen, wie die ungenutzten Potenziale gehoben werden könnten, etwa durch mehr Arbeitszeit- und Arbeitsortflexibilität. Studien zeigen, dass diese Instrumente sowohl den Erwerbseinstieg erleichtern als auch die Wochenstundenzahl erhöhen können. Auch die Gründe für die hohe Teilzeiterwerbstätigkeit insbesondere unter Müttern sind näher zu analysieren. Insbesondere kleine Teilzeit ist nachteilig für materielle Sicherheit von Frauen und deren Familien, aber auch unter dem Aspekt der Teilhabechancen sowie der Gleichstellung der Geschlechter in der Wirtschaft. Hier ist beispielsweise zu prüfen, inwiefern auf betrieblicher Ebene Aufstockungswünsche realisiert werden können. Bei allen Maßnahmen sind die drei Gruppen der geringqualifizierten, alleinerziehenden und ausländischen Mütter in den besonderen Fokus zu nehmen, da diese derzeit vom Betreuungsausbau nur zum Teil zu profitieren scheinen.

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Autoren

Dr. Christina Boll
Andreas Lagemann

HWWI Policy Paper

Elterliche Erwerbstätigkeit und Kinderbetreuung in Hamburg: Entwicklung und Zusammenhänge im Kontext knapper werdender Fachkräfte

Präsentation der Studie

© Nicolas Maack

Dr. Christina Boll stellte die Studie am 30. Mai 2017 in der Handelskammer Hamburg vor. Bei der Präsentation freute sie sich über die Grußworte von Dr. Melanie Leonhard, Senatorin der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (BASFI), und Tobias Bergmann, Präses der Handelskammer Hamburg (von links nach rechts).

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