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Weltwirtschaft

USA, China und Europa: Der schwierige Weg in eine neue multipolare Ordnung

BEITRAG VON Henning Vöpel

Nur etwa alle hundert Jahre kommt es zu großen geopolitischen Verschiebungen in der Weltwirtschaft. Eine solche Verschiebung erleben wir gerade. China kehrt mit ökonomischer Stärke an die Spitze der Weltwirtschaft und Weltpolitik zurück, wo es mit Ausnahme der letzten 200 Jahre eigentlich immer gewesen ist und nach eigenem Anspruch hingehört. Gleichzeitig wenden sich die USA derzeit von der selbst geschaffenen Nachkriegsordnung ab und stellen die eigenen Interessen stärker in den Fokus ihrer Wirtschaftspolitik, aber auch der Außen- und Sicherheitspolitik. Europa befindet sich just in dieser Phase des geopolitischen Umbruchs in einer ihrer größten ökonomischen, institutionellen und politischen Krisen. Der bevorstehende Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union, aber auch die ungelösten Probleme der Währungsunion und die anhaltende Diskussion um eine fiskalpolitische Reform der Eurozone lassen die zukünftige Rolle Europas in der zukünftigen Weltordnung mehr als offen erscheinen. Die Autoren Harold James, Markus Brunnermeier und Jean-Pierre Landau zeigen in ihrem Buch „Der Euro und der Kampf der Kulturen“, wie schwierig es jenseits der Vorschläge des französischen Präsidenten Macron sein wird, die unterschiedlichen ideengeschichtlichen Vorstellungen von Markt und Staat in einer gemeinsamen Strategie für Europa miteinander zu versöhnen.  

Der augenscheinliche Rückzug der USA von der Globalisierung beschleunigt den politischen Aufstieg Chinas, das ökonomisch schon seit längerer Zeit schnell aufgeholt hat. Die Welt steht angesichts der ökonomischen Machtverschiebungen auch geopolitisch vor einer Neuordnung. Vor rund hundert Jahren befand sich die Welt in einer ähnlichen Situation. Die erste große Welle der Globalisierung hatte seinerzeit die feudalen Strukturen der Gesellschaft verändert, viele Menschen wurden zu Verlierern der Veränderungen und auch damals verlor die bedeutendste Weltmacht – das britische Empire – bei dieser Neuordnung an Einfluss gegenüber den USA, wie heute womöglich die USA gegenüber China. Eine multipolare Welt, auf die es unweigerlich hinausläuft, braucht eine neue globale Ordnung. Die Institutionen der Nachkriegsordnung sind zur Lösung der heutigen Konflikte und Probleme kaum geeignet. Die derzeitigen geopolitischen und institutionellen Anpassungen resultieren notwendig aus sich verändernden ökonomischen Machtverhältnissen.

Geopolitische Umbrüche sind besonders kritische Zeiten

Der Übergang von der alten in die neue Ordnung ist historisch betrachtet immer ein sehr kritischer Vorgang gewesen. Schon Thykidides beschrieb am Beispiel von Athen und Sparta, wie sich die Ablösung einer bestehenden Macht durch eine andere aufstrebende letztlich in eine kriegerische Auseinandersetzung mündet. Der Ökonom Charles Kindleberger hat zudem gezeigt, dass die neue Macht es häufig versäumt, neue globale Regeln und Institutionen zu etablieren, weshalb es im Anschluss an den Machtwechsel oft zu einem gefährlichen Vakuum kommen kann, in dem Chaos entsteht und der Welt ein Rahmen fehlt, innerhalb dessen globale Probleme und Konflikte verhandelt und gelöst werden können. An die Stelle der supranationalen Kooperationsfähigkeit rücken die Re-Nationalisierung der Wirtschaftspolitik und das Voranstellen nationaler Interessen. Die Rückkehr strategischer Handelspolitik in diesen Zeiten ist daher kein Zufall, ebenso wie wachsende nationale Machtansprüche und merkantilistische Wirtschaftspolitik, die im Absolutismus des 17. Jahrhundert zusammengehörten.

Wir erleben nicht weniger als einen Zeitenwechsel historischen Ausmaßes. Paradigmenwechsel erzeugen Paradoxien zwischen der alten, sich auflösenden und der neuen, noch unverstandenen Welt, sie werden begleitet von einer tiefen Unsicherheit. Diese wiederum löst kognitive Dissonanzen und sozialpsychologische Irritationen aus. In Zeiten extremer Unsicherheit sind nicht zufällig Populismus und Fake News typische Phänomene. Auch Populismus und Elitenkritik sind aus der Geschichte durchaus bekannte Erscheinungen solcher Zeiten. Trump und Brexit sind gewiss keine historische Koinzidenz, sondern haben gemeinsame Ursachen eben darin.

Ungleichheit und die Krise der Globalisierung

 Die geopolitische Neuordnung wird begleitet von einer Krise der Globalisierung. Dabei hat die Globalisierung auf globaler Ebene entscheidend dazu beigetragen, Armut in weiten Teilen der Welt zu reduzieren und die Bildung einer Mittelschicht in Schwellen- und Entwicklungsländern erst zu ermöglichen. In vielen westlichen Volkswirtschaften ist die Einkommensverteilung dagegen immer ungleichmäßiger geworden. Der Harvard-Ökonom Dani Rodrik wirft vor diesem Hintergrund in einem jüngst erschienenen Papier die Frage auf: Is global equality the enemy of national equality? (2017) Und fordert eine globale Ethik, die eine global gleichmäßigere Verteilung gegenüber einer national ungleichmäßigeren Verteilung moralisch und politisch legitimiert. Jener Rodrik hat mit seinem „Globalisierungstrilemma“ (The Paradox of Globalization, 2011) zugleich gezeigt, dass wir die Krise der Globalisierung nur dann lösen können, wenn wir eine neue Balance zwischen den drei Eckpunkten des Trilemmas – Globalisierung, Nationalstaat und Demokratie – finden. Solange wir im Sinne einer globalen Ethik die Legitimation der Globalisierung und seiner Folgen nicht über die Nationalstaaten hinaus herstellen können, wird es wohl eher zu einer Beschränkung der Globalisierung kommen. Daher erleben wir so etwas wie Peak Globalization, den vorläufigen Höhepunkt der Globalisierung. Denn jede weitere wirtschaftliche Integration hätte zunehmende negative Verteilungswirkungen und abnehmende Handelseffekte. Die breite Skepsis gegenüber dem Freihandelsabkommen zwischen den USA und Europa hat bereits Hinweise darauf geliefert, dass die Legitimation für eine immer engere ökonomische Integration kaum mehr gegeben ist.

Was die neue globale Ordnung entscheiden und wie es mit der Globalisierung weitergehen wird

Angesichts der Unordnung, die sich in den letzten Jahren in der Weltpolitik eingestellt hat, stellt sich die Frage, welches die neue Ordnung sein wird und auf welchem Pfad sich die Welt dorthin entwickelt. Der Pfad selbst dürfte wesentlichen Einfluss auf die neue Ordnung haben. Vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, dass China seine Rückkehr an die Spitze der Weltwirtschaft strategisch vollzieht. China versucht, seine wachsende politische und ökonomische Macht infrastrukturell, institutionell und nicht zuletzt technologisch zu untermauern. Hier ist vor allem die Road-and-Belt-Initiative zu nennen, die mit einem riesigen Infrastrukturprojekt Konnektivität unter chinesischem Einfluss herstellen will. Die Gründung der Asiatischen Infrastruktur-Investitionsbank (AIIB) unterstützt dies in finanzinstitutioneller Dimension. Letztlich hat China insbesondere im Bereich der Künstlichen Intelligenz durch enorme Investitionen gewaltige Anstrengungen unternommen, in dem „war on big tech“ siegreich zu sein.

Darüber hinaus wird es wichtig sein – vor allem aus Sicht Europas –, die internationale Kooperationsfähigkeit zur Lösung globaler Probleme wie Klimawandel oder Migration zu erhalten. Eine gemeinsame Verantwortung der USA, Chinas und Europas für Afrika wäre hierfür ein wichtiger Schritt. Europa selbst muss seine internen Probleme überwinden, indem es eine positive Idee von Europa entwickelt, den Pfad dorthin definiert und seine außenpolitische Repräsentanz stärkt, um die alte Frage Henry Kissingers zu beantworten, mit wem man telefonieren müsse, wenn man mit Europa sprechen wolle. Eine starke wertebasierte Politik Europas kann der bevorstehenden geopolitischen Neuordnung nur gut tun. 

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Autor

Prof. Dr. Henning Vöpel

Das HWWI war akademischer Partner der Veranstaltung "Hamburg Summit 2018: China meets Europe", die am 26. und 27. November 2018 in der Handelskammer Hamburg stattgefunden hat.

Publikation

Dieser Beitrag ist in ChinaContact 09/10-2018 erschienen.

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