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Ausgabe Frühjahr 2021

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Green Port Development

Welche Rolle kommt Häfen bei der Erreichung der Klimaziele zu?

BEITRAG VON Dörte Nitt-Drießelmann und Jan Wedemeier

Ein Großteil des europäischen Warentransportes erfolgt mit dem Schiff. Um internationale Klimaabkommen erfüllen zu können, müssen Hafenanlagen, die die Infrastruktur für maritime Aktivitäten bereitstellen, künftig nachhaltiger und emissionsärmer betrieben werden. Voraussetzungen müssen geschaffen werden, um an den jeweiligen Standorten die lokalen CO2-Fußabdrücke reduziert zu können.

Im Jahr 2019 wurden 46 % des Wertes der EU-28-Exporte und 56 % des Wertes der EU-28-Importe verschifft. Die sich verstärkende globale wirtschaftliche Integration wird zu einem weiteren Anstieg des Seehandels führen. Es wird erwartet, dass ohne zusätzliche politische Maßnahmen die Emissionen im internationalen Seeverkehr bis 2035 im Vergleich zu 2015 um 23% zunehmen werden.

Schätzungen gehen davon aus, dass 2,5-3,6% der gesamten globalen CO2-Treibhausgasemissionen auf den Seeverkehr zurückzuführen sind. Der Anteil in Bezug auf die weltweiten Stickoxid- und Schwefeldioxidemissionen liegt bei rund 13-15%. Da Schiffe überwiegend mit fossilen Brennstoffen betrieben werden, emittieren sie darüber hinaus noch weitere Stoffe wie Stickstoffoxide oder Particulate Matter.

2011 hat die Europäische Kommission einen Fahrplan mit Initiativen zur Verbesserung der Mobilität sowie zur Reduzierung der CO2-Emissionen im Verkehr um 60% bis 2050 aufgezeigt. Im Bereich der Schifffahrt sollen die Emissionen um mindestens 40% verringert werden. Zudem ist eine 50-prozentige Verlagerung des Personen- und Güterverkehrs über mittlere Entfernung von der Straße auf die Schiene und den Wasserweg vorgesehen. 2015 hat die EU darüber hinaus eine Strategie zur schrittweisen Einbeziehung der Meeresemissionen in die EU-Politik verabschiedet. Reedereien müssen seit 2017 relevante Informationen zu Emissionen, die sich aus den Schifffahrten zu und von Häfen sowie innerhalb der Häfen des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) ergeben, erfassen. Die ersten Emissionsberichte waren 2019 fällig.

Häfen bilden einen entscheidenden Knotenpunkt in der globalen Transportkette. Sie müssen den EU-Statuten für industrielle Infrastruktur und Betriebe entsprechen und werden nach nationalen Vorschriften betrieben. Derzeit gibt es keine Verordnungen der EU-Kommission, die sich explizit mit dem CO2-Fußabdruck von Häfen befassen oder Einsparziele zur Erreichung des Treibhausgasemissionsziels bis 2050 festlegen.

Häfen stellen an ihren Standorten neben der maritimen Infrastruktur auch Anlagen für nicht-maritime Aktivitäten wie die Stromerzeugung oder die industrielle Produktion bereit. Formal und rechtlich gesehen ist ein Hafen jedoch ausschließlich für CO2-Emissionen innerhalb, und nicht für diejenigen außerhalb des Hafengebiets verantwortlich. Da sich durch die Multifunktionalität der Häfen deren Auswirkungen auf den lokalen CO2-Fußabdruck nicht auf die Hafenprozesse beschränken lassen, erfordert die Dekarbonisierung von nachhaltigen Häfen, dass Green Ports sowohl in mobilen als auch in stationären Quellen ressourceneffizient und emissionssparend arbeiten.

Neben den großen Seehäfen finden sich in Europa viele kleinere Häfen mit regionalwirtschaftlicher Bedeutung. Diese Häfen stehen vor zwei spezifischen Herausforderungen. Einerseits sind die finanziellen Ressourcen häufig begrenzt, andererseits müssen sie im Wettbewerb der Regionalhäfen untereinander bestehen können. Dies geschieht in der Regel durch Spezialisierung auf Spezialverkehre und Projektladungen, deren Wachstumschancen durch die zunehmende internationale Arbeitsteilung und entsprechenden Neuausrichtungen von Wertschöpfungsketten ganzer Industrien begünstigt werden.

Eine Möglichkeit für regionale Häfen, sich innovativ weiterzuentwickeln, besteht in der Positionierung als Knotenpunkte für die Zusammenführung von Vorleistungen und deren mögliche Endfertigung. In diesem Kontext kommen Umweltthemen eine hohe Bedeutung zu. Kleineren Häfen eröffnet sich ein enormes Entwicklungspotential, wenn sie die Umsetzung von Umweltschutzmaßnahmen forcieren.

Der Energieverbrauch in Form fossiler Brennstoffe stellt die Hauptquelle für Emissionen im Seeverkehr dar. Deren Ersatz durch alternative, weniger emissionsintensive Energieträger bieten das größte Potenzial zur Dekarbonisierung des Seeverkehrs. Aber auch kleinere regionale, spezialisierte Häfen können hierzu ihren Beitrag leisten, indem sie als Green Ports sowohl bei mobilen als auch bei stationären Emittenten ressourceneffizient arbeiten und dafür ein intelligentes Management betreiben. Durch geeignete Anreizsysteme können sie darüber hinaus zu der Emissionsreduzierung außerhalb ihres Hafengebiets beitragen. So können sie beispielsweise Anbieter von Hinterlandtransporten verpflichten, gewisse Umweltauflagen einzuhalten, oder die Emissionen durch Seeschiffe während der Ladung und Löschung der Waren durch die Bereitstellung von grünem Landstrom innerhalb des Hafengebietes reduzieren.

Häfen haben in den letzten Jahren bereits erhebliche Initiativen zur nachhaltigen Entwicklung ergriffen. Dennoch sind die Herausforderungen zur Erfüllung der Klimaabkommen weiter immens. Bezweifelt werden muss, ob die dafür notwendige Dekarbonisierung durch das derzeitige internationale CO2-Handelssystem erreicht werden kann. Es bedarf einer Erweiterung der einbezogenen Sektoren und einer Verringerung der Anzahl der gehandelten Zertifikate. Als flankierende Maßnahme könnte auch über die Einführung einer Pigou-Steuer nachgedacht werden. Um Anreize für die Vermeidung von Emissionen zu setzen, werden hierbei durch ökonomische Aktivitäten entstehende, negative externe Effekte für die Gesellschaft internalisiert und der Verursacher steuerlich belastet.

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Autoren

Dörte Nitt-Drießelmann
Dr. Jan Wedemeier

Artikel

Der Artikel basiert auf Forschungsergebnissen des EU-Projekts "DUAL Ports – Developing Low carbon Utilities, Abilities and potential of regional entrepreneurial Ports" (INTERREG North Sea Region Programme). Das EU-finanzierte Projekt DUAL Ports zielt darauf ab, regionale Häfen durch innovative Hafeninvestitionen zu dekarbonisieren, die zur Minimierung von Emissionen beitragen.

Dieser Beitrag ist eine Kurzfassung des Artikels "Green Port Development – welche Rolle kommt Häfen bei der Erreichung der Klimaziele zu?", erschienen in der April-Ausgabe des "Wirtschaftsdienstes".