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Ausgabe Frühjahr 2021

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Währungen und Werte

STUDIE VON Carsten Mumm und Henning Vöpel

Die Studie "Währungen und Werte" ist der dritte Teil der Studienreihe "Mensch, Gesellschaft, Ökonomie – Gemeinsam für eine bessere Zukunft". Während es in den vorangegangenen  Studien  um  "Vermögen"  und  "Wachstum" ging,  komplettiert  die Auseinandersetzung mit dem Thema "Währungen und Werte" die Trilogie. Alle Studien wurden gemeinsam vom HWWI und der Privatbank Donner  &  Reuschel erstellt.

Ein zentraler Aspekt der Studie ist, dass die mögliche Entwertung alten Vermögens und das Ausbleiben bereits eingepreisten Wachstums unmittelbare Auswirkungen auf Werte und Währungen haben – weshalb im Umkehrschluss die Stabilität einer Währung gerne als Gradmesser für den ökonomischen Zustand einer Nation oder Union herangezogen wird.

Geld und Währungen haben für Volkswirtschaften eine große Bedeutung, denn sie ermöglichen Tausch, Handel, Integration und damit letztlich Wachstum. Sie reflektieren zugleich das Vertrauen in die Zukunft und die Glaubwürdigkeit der Institutionen. Währungen sind somit immer auch Spiegelbild des Zustandes von Staaten und Gesellschaften, ihrer Werte und Wertmaßstäbe sowie ihrer Stabilität. Gleichzeitig sind Währungen komplexe Konstruktionen und unterliegen dementsprechend vielfältigen Risiken. Allzu oft besteht die Versuchung, die langfristige Stabilität von Währungen aufgrund  kurzfristiger  Interessen  aufs  Spiel  zu  setzen. Genau hierin liegt die inhärente (politökonomische) Gefahr für Währungen, die entweder die Geldfunktionen selbst oder in einem übergeordneten Sinne die Geldordnung betreffen.

In Zeiten bedeutender Umbrüche und disruptiver Veränderungen erhöht sich die Unsicherheit auf allen Ebenen – beispielsweise für Staaten, Gesellschaften, Unternehmen und Menschen. Die Welt befindet sich schon länger in einer einschneidenden Übergangsphase, die durch Digitalisierung, Klimawandel, demografische Alterung  sowie den Wettlauf Chinas und der USA um die wirtschaftliche  und technologische  Nummer 1 geprägt  ist. Dabei  wird Gewohntes  infrage gestellt, es deuten sich entscheidende Zeitenwenden an und führen bei vielen Menschen zu fundamentaler Verunsicherung. Zweifellos hat die Coronakrise dazu geführt, dass die ohnehin bestehende Unsicherheit noch einmal um ein Vielfaches gesteigert wurde.

Wenn klar ist, dass die Zukunft deutlich anders aussieht als die Vergangenheit, konkrete Anhaltspunkte für ein stichhaltiges Zukunftsbild  aber noch fehlen, geraten bestehende  Wertvorstellungen ins Wanken. Altes Vermögen droht entwertet zu werden, während neue Vermögen entstehen. Gerade auch Währungen rücken in besonders bewegten Zeiten in den Fokus. Nicht umsonst haben wesentliche ökonomische Übergänge in der Vergangenheit häufig zu Währungskrisen oder gar Währungsreformen geführt. Historische Entwicklungen wiederholen sich nie deckungsgleich, ähneln sich aber häufig bezüglich ihrer Ursachen und in den Abläufen.

Heute sind es vor allem die Nachwirkungen der großen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 sowie – schon absehbar – der Coronakrise, die das Vertrauen in bestehende Währungssysteme untergraben. Jahrelange ultra-expansive Geldpolitik und daraus resultierende Null- bzw. Negativzinsen sowie eine beispiellose Liquiditätsflut der Notenbanken haben die Preise aller Anlageklassen massiv ansteigen lassen. Hinzu kommen weitere Nebenwirkungen, wie eine mögliche Zombifizierung der Wirtschaft mit der Folge geringerer  volkswirtschaftlicher Produktivität und damit Belastungen des Wachstumspotenzials. Mit den massiven fiskalpolitischen Rettungspaketen der letzten Monate, den daraus resultierenden weltweit explodierenden Staatsschulden und zuletzt deutlich zunehmenden Sorgen vor steigenden Inflationsraten wurden die Fragezeichen hinter vielen klassischen Währungen noch einmal ungleich größer – zumal die institutionalisierte Unabhängigkeit der Notenbanken de facto in Gefahr gerät, wenn sie dauerhaft zum wichtigsten Aufkäufer von Staatsanleihen werden. Möglicherweise ist es heute nur die fehlende Alternative, die Menschen vor der Flucht aus einzelnen Währungen bewahrt, denn keiner der bedeutendsten Währungsräume ist frei von Symptomen einer schleichenden Stabilitätserosion.

Obwohl China mit Abstand am glimpflichsten aus der globalen Rezession entkommen ist, fehlen der chinesischen Währung Yuan wesentliche Grundvoraussetzungen moderner Geldordnungen, allen voran eine politisch unabhängige Notenbank und ein flexibles Wechselkursregime ohne Devisen- und Kapitalverkehrsbeschränkungen, um in absehbarer Zeit eine bedeutende Alternative für die derzeit führenden Reservewährungen US-Dollar und Euro zu werden.

Auch technologische Neuerungen wie Krypto-Assets und digitale Währungen beeinflussen das bestehende  internationale Währungssystem und bringen Herausforderungen für klassische Währungen mit sich. Kryptowährungen werden deren Status-Quo jedoch nicht so schnell gefährden, denn sie können mangels eigener Geldordnung nicht als gesetzliches Zahlungsmittel dienen. Anders als bei Bargeld besteht für Gläubiger einer Geldschuld keine Annahmepflicht. Dennoch kommen Bitcoin & Co. gerade aufgrund der allgemein zunehmenden Unsicherheiten eine stetig steigende Bedeutung zu. Trotz teilweise extremer Kursschwankungen nutzen viele private und institutionelle Anleger sowie Unternehmen die digitalen Assets zur Diversifikation ihrer Vermögensanlagen.  

Zentralbanken beschäftigen sich immer intensiver mit den Möglichkeiten digitalen Zentralbankgeldes, nicht zuletzt angefeuert durch die Bestrebungen Facebooks, ein eigenes Zahlungsmittel unter dem Namen Libra bzw. Diem zu initiieren. Bei ausreichendem Vertrauen könnten digitale Plattformunternehmen als Bank fungieren und aufgrund ihrer Größe, Relevanz und Netzeffekte sogar private Zentralbankfunktionen übernehmen. Diese Rolle werden sich die Notenbanken allerdings kaum nehmen lassen, weshalb in den kommenden Jahren – neben dem bereits im Praxistest befindlichen chinesischen Yuan – noch weitere digitale Zentralbankwährungen lanciert werden dürften. Sicher ist, dass programmierbare Währungen künftig in modernen Volkswirtschaften benötigt werden, denn wenn Maschinen untereinander kommunizieren und interagieren, wird die Erfüllung von Vertragsbestandteilen automatisierte Zahlungsvorgänge auslösen.

Auch wenn der US-Dollar und der Euro zunächst die wichtigsten Reservewährungen bleiben werden, dürfte Bargeld sukzessive an Bedeutung verlieren und die Welt der Währungen wird durch digitale Angebote vielfältiger. Die genannten Gefahren für klassische Währungen sollten jedoch Anlass sein, deren Stabilität vor allem von politischer Seite nicht weiter zu untergraben. So richtig die Hilfsmaßnahmen in der Corona-Pandemie und so notwendig öffentliche Investitionen zur Stärkung des Wachstums und der Transformationsprozesse sind, eine Rückkehr zu nachhaltiger, wachstums- und stabilitätsorientierter Fiskalpolitik ist unbedingt angezeigt. Nur dadurch kann der Geldpolitik wieder die Möglichkeit gegeben werden, sich auf ihr vornehmliches Ziel, die Wahrung der Preisniveaustabilität, zu fokussieren, ohne sie durch zusätzliche fiskalisch motivierte Aufgaben und Zwänge zu überfrachten.

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