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Ausgabe Sommer 2020

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Energie

Neuer Stakeholder-Report zum Rückbau von Offshore-Windanlagen

BEITRAG VON Mirko Kruse

Nach der breiten medialen Aufmerksamkeit, die die Marktanalyse des HWWI zum Rückbau von Offshore-Windanlagen erzeugt hat, ist nun im Rahmen des INTERREG-Nordseeprojekts "DECOM Tools" ein zweiter Report erschienen. Im Mittelpunkt dieser Analyse stand dabei die Perspektive unterschiedlicher Stakeholdergruppen, die in einer Reihe von Workshops und Einzelinterviews in Deutschland, Dänemark, Belgien, den Niederlanden, Norwegen und Schottland befragt wurden. Bereits in der Marktanalyse des HWWI wurde deutlich, dass angesichts der Lebensdauer einer Offshore-Windanlage von etwa 20 Jahren bereits jetzt erste Windparks in der Nordsee das kritische Alter erreichen, ehe Ende dieses Jahrzehnts die Zahlen nochmals sprunghaft auf über 1.000 zurückzubauende Anlagen pro Jahr steigen werden.

Unter den beteiligten Stakeholdern aus unterschiedlichen Sektoren der Wertschöpfungskette zeigte sich ein hohes Interesse am Thema Offshore-Rückbau als möglichem Business Case, allerdings werden signifikante Volumina, die für die Industrie von Interesse sind, erst in der mittleren Frist erwartet. Die Marktentwicklung kann zuverlässig eingeschätzt werden, da bereits jetzt absehbar ist, welche Anlagen zu welchem Zeitpunkt für einen Rückbau in Frage kommen. Gleichzeitig stellen der Rückbau und die damit verbundenen Tätigkeiten, beispielsweise Logistik, Hafeninfrastruktur oder Recycling, eine noch nicht besetzte Nische dar. Hieraus ergibt sich die Konstellation, dass zahlreiche Akteure prinzipiell Interesse bekunden, sich an zukünftigen Rückbauprojekten zu beteiligen und zugleich noch ausreichend Zeit hätten sich entsprechend aufzustellen, jedoch keine kurzfristigen Erträge generieren können.

Im Rahmen der Stakeholder-Workshops zeigte sich, dass der Großteil der Rückbaukosten in den Bereichen Transport und Logistik erwartet wird. Besonderes Potenzial ergibt sich an dieser Stelle also für Häfen als logistischer Anlaufpunkt, sofern diese die entsprechenden Kapazitäten zum Beispiel zur Lagerung vorhalten können. Neben der Infrastruktur wird ein weiterer Engpass in der Verfügbarkeit von Fachkräften gesehen, die speziell für den Rückbau auf See geschult werden müssen. Sowohl Hafenbetreiber als auch Bildungseinrichtungen sind also gefragt, die notwendigen Voraussetzungen für die Abwicklung des Rückbaus von Offshore-Windanlagen zu schaffen.

Hinzu kommen rechtliche Unsicherheiten in signifikantem Ausmaß. Oftmals sind die Vorschriften zum Rückbau der Anlagen nicht eindeutig und weisen zudem deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern auf. So ist beispielsweise unklar, wie umfangreich der vorgeschriebene Rückbau in Bezug auf die Fundamente oder die Kabel im Meeresboden auszulegen ist. Hinzu kommen an dieser Stelle ökologische Fragen, die sich ergeben, wenn die Fundamente der Anlagen zum Lebensraum mariner Lebewesen geworden sind, die in einzelnen Fällen unter Schutz stehen. Eine einheitliche europäische Regelung, die den Betreibern und der nachgelagerten Industrie Planungssicherheit gibt, wäre hier anzustreben.

Abschließend hat der Austausch mit unterschiedlichen Stakeholdern gezeigt, dass auch die nationale Gesetzgebung in puncto Recycling unzureichend ist und aktualisiert werden sollte. Zudem fehlt es noch an Verfahren, Verbundstoffe, wie sie beispielsweise in den Flügeln von Windanlagen verwendet werden, chemisch wieder aufzuspalten und zurück in den Produktionskreislauf einzuspeisen. Hierzu werden im Rahmen des Projekts "DecomTools" Verfahren entwickelt und getestet, die auch in anderen Wirtschaftssektoren Anwendung finden können, die Verbundstoffe nutzen, beispielsweise in der Automobilindustrie oder im Flugzeug- und Schiffbau.

Im Interreg-Nordsee-Projekt "DecomTools" arbeiten Partner aus Deutschland, Dänemark, Belgien, den Niederlanden, dem Vereinigten Königreich und Norwegen über vier Jahre zusammen. Das Gesamtbudget liegt bei rund 4,7 Millionen Euro.

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Autor

Mirko Kruse

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STAKEHOLDER ANALYSIS DECOM TOOLS 2020

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