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Ausgabe Sommer 2020

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Partnerpublikation

Wachstum neu denken

STUDIE VON Carsten Mumm, Marie-Christin Rische, Henning Vöpel, Claudia Wellenreuther, André Wolf unter Mitarbeit von Otis Mohr

Die Corona-Pandemie wird die Welt verändern und auch unsere Sicht auf Wachstum und Wirtschaft beeinflussen. Sie hat die Weltwirtschaft massiv getroffen und zu einem der stärksten Einbrüche der Wirtschaftsleistung in der Geschichte geführt. Plötzlich steht alles hinter der Frage zurück, wie die Pandemie eingedämmt und gleichzeitig die wirtschaftlichen Schäden begrenzt und der Erholungsprozess eingeleitet werden können. Es zeichnet sich indes ab, dass die Erholung längere Zeit in Anspruch nehmen wird.

Die Frage, ob wir in Zukunft wachsen dürfen oder müssen und wie wir das Wachstum gestalten wollen, lässt sich in zwei Dimensionen beantworten:

Die eine Dimension zielt auf die Umweltverträglichkeit von Wirtschaftswachstum ab, nicht allein in Bezug auf die Begrenztheit nicht-erneuerbarer Ressourcen, sondern allgemeiner auf die Regenerierbarkeit ökologischer Systeme. Die erste Dimension ist also ein ressourcenbezogener Ansatz.
Die zweite Dimension bezieht sich auf die Bedürfnisbefriedigung durch Wirtschaftswachstum. Welche Bedürfnisse sind wirklich wichtig und wer entscheidet darüber? Dies schließt die Frage ein, wie wir sinnvoll Wohlfahrt messen. Es zeigt sich, dass tra-ditionelle Maße wie etwa das Bruttoinlandsprodukt wesentliche Aspekte der Wohlfahrt unberücksichtigt lassen oder zumindest nicht adäquat erfassen.

Die zweite Dimension ist also ein nutzenökonomischer Ansatz von Wachstum.
Beide Dimensionen verdichten sich zu der Frage: Worin besteht nachhaltige Wohlfahrt, was ist vielleicht sogar der übergeordnete Sinn – neudeutsch: purpose – unseres wirtschaftlichen Handelns? Daraus folgt eine weniger zweckrationale als sinnbestimmte Definition von Wachstum. Diese Erweiterung des Wachstumsbegriffs kann zugleich neue Wege aufzeigen, die innerhalb der engeren, traditionellen Sichtweise versperrt bleiben.

Wachstum, das durch technischen Fortschritt erzeugt wird, kann im Sinne des verträglichen Wachstums (Green Growth) dabei helfen, Probleme zu lösen, nicht nur Armut zu reduzieren, sondern auch den Klimawandel aufzuhalten und die Umwelt zu schützen. Entscheidend ist nicht die Frage, ob Wachstum gut oder schlecht ist, sondern welche Art von Fortschritt und somit implizit Wachstum wir brauchen, um unsere Probleme zu lösen.

Zusammenfassend ergeben sich aus den Anforderungen an zukünftiges Wachstum fünf Thesen:

1) Wachstum ist weiterhin notwendig, denn die materiellen Ansprüche der wachsenden Weltbevölkerung können nicht verneint werden. Verteilungskonflikte lassen sich bei wachsender Wirtschaft besser lösen als in stagnierenden oder gar schrumpfenden Ökonomien. Die Corona-Krise muss schnell und zukunftsorientiert überwunden werden, damit Arbeitslosigkeit und Armut nicht zu politischen Verwerfungen führen.

2)  Die Umweltverträglichkeit des Wachstums gerät an ihre Grenzen, die Sozialverträglichkeit wird global immer wichtiger. Wir brauchen daher anderes Wachstum. Es muss nachhaltig und generationengerecht gestaltet werden, das bedeutet, dass die Interessen zukünftiger Generationen stärker in heutige Entscheidungen einfließen müssen. Wachstum in einem holistischen Sinne bedeutet, die Möglichkeiten für die Zukunft zu erweitern, nicht zu begrenzen. In diesem Sinne unterliegt der Wachstumsbegriff einer Fehldeutung. Wachstum bedeutet nicht allein "mehr", sondern vor allem "besser". Was "besser" bedeutet, lässt sich nur im gesellschaftlich-historischen Kontext verstehen.

3) Technischer Fortschritt ist zentral für die Lösung der großen Herausforderungen. Kein Wachstum ist auch keine Lösung, denn Wachstumsprozesse werden typischerweise durch technischen Fortschritt getrieben. Durch die Digitalisierung und neue Technologien bieten sich vielversprechende Ansätze für neues, "gutes" Wachstum. Viele davon sind so bahnbrechend, dass die Transformationsprozesse disruptiv verlaufen werden. Die Entwicklung zur Marktfähigkeit ist eine der zentralen Aufgaben der nächsten Jahre, zum Beispiel saubere Antriebstechnologien oder erneuerbare Energieträger.

4) Alternative Wachstumsparadigmen scheinen utopisch zu sein. Gleichwohl müssen wir Wachstum neu denken. Daraus folgt, dass die Politik die Regeln und Anreize des Wirtschaftens verändern muss. Dies sollte möglichst auf globaler Ebene geschehen. Aber schon auf europäischer Ebene kann eine solche Agenda wirksam durchgesetzt werden, denn der Europäische Binnenmarkt bietet die Chance, nachhaltiges Wachstum mit einem großen Absatzmarkt zu kombinieren. Der Green Deal und die Digitalisierungsagenda bieten hierfür große Chancen, sie müssen aber langfristig und für Unternehmen glaubwürdig einen neuen Pfad erzeugen, damit Investitions- und Innovationsanreize ent-sprechend umgelenkt werden.

5) Ganz im Sinne dieser Studienreihe ist das gemeinsame und konsistente Handeln von Mensch, Gesellschaft und Ökonomie entscheidend. "Gutes" und "richtiges" Wachstum ist immer kongruent zu den gesellschaftlichen Werten und Vorstellungen. Konsumenten und Unternehmen spielen daher in der Durchsetzung einer neuen Ökonomie eine wesentliche Rolle. Ökonomie dient letztlich dem Menschen, welcher in eine heterogene und pluralistische Gesellschaft eingebunden ist. Demokratie kann besser als jede andere Staatsform das Gemeinwohl bestimmen. Marktwirtschaft kann besser als jede andere Wirtschaftsform neue Lösungen entdecken und die Bedürfnisse der Menschen befriedigen.

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