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Ausgabe Winter 2020

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REGIONEN

COVID-19: Beschleunigt die Pandemie den strukturellen Umbruch? Beispiele für die Innovationspolitik des Landes Bremen

BEITRAG VON Mirko Kruse und Jan Wedemeier

Wirtschaftskrisen sind historisch betrachtet Bestandteil der wirtschaftlichen Entwicklung. War die Krise des Jahres 2008/2009 aus immobilienwirtschaftlichen und finanzmarktseitigen Ereignissen geboren, stellt die durch die COVID-19-Pandemie verursachte Rezession ein relativ einzigartiges und weiterhin unberechenbares Ereignis dar. Kein Bereich der Wirtschaft und des öffentlichen sowie gesellschaftlichen Lebens ist von den Folgen der Pandemie ausgenommen.

Die Covid-19-Pandemie trat zu einem Zeitpunkt auf, als europaweit intensiv über die Notwendigkeit der Dekarbonisierung und Nachhaltigkeit der Ressourcennutzung einerseits und die fortschreitende Digitalisierung aller Wirtschafts- und Lebensbereiche andererseits diskutiert wurde – das heißt inmitten einer strukturpolitischen Umbruchssitutation. Durch die Pandemie könnte diese Entwicklung nochmals an Dynamik gewinnen. Was bedeutet dies für das Land Bremen und die Bremische Wirtschaft?

WissenschaftlerInnen der Hochschule Bremen, der Jacobs University, der Niederlassung Bremen des HWWI und der Universität Bremen haben gemeinsam an dieser Veröffentlichung gearbeitet. Im Folgenden werden kurz wichtige Auszüge der Beiträge dargestellt, die sich in vier thematische Blöcke unterteilen.

Innovation und Gründungsgeschehen

Im ersten Block wird aufgezeigt, dass das prioritäre Ziel des Wirtschaftswachstums in den Hintergrund tritt und Themen wie Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Klimaneutralität an Bedeutung gewinnen. Daraus lässt sich ableiten, dass die Ausgestaltung konjunkturstabilisierender und innovationspolitischer Maßnahmen diese Themen stärker berücksichtigen sollten. Zudem wird deutlich, dass besonders junge Unternehmen sich krisenanfällig zeigen. Der COVID-19-Schock zeigt, dass die wirtschaftlichen Maßnahmen auf Unternehmensebene zielführend und problemgerecht sind, aber nicht immer differenziert genug ausgestaltet sind.

Urbane Entwicklungen und Nachhaltigkeitsinnovationen

In einem zweitem Themenblock wird gefragt, welche Implikationen die Pandemie auf die städtische Entwicklung hat und wo die Potenziale für eine nachhaltigere Stadtnutzung liegen. Die Konzepte der Urbanen Produktion und Produktiven Stadt gewinnen weithin an Relevanz. Regionalisierung und Digitalisierung sind wichtige Voraussetzungen, um Wirtschaften und Arbeiten wieder verstärkt in die Quartiersebene zu integrieren. Auch im Bereich des städtischen Verkehrs besteht Handlungsbedarf. Die kurz- und mögliche langfristige Entwicklung des Mobilitätsverhaltens in Bremen zeigen Muster der Veränderung auf: Das Verkehrsverhalten verschiebt sich weg vom ÖPNV hin zum Individualverkehr. Mit dem Ziel einer nachhaltigen und effizienten Verkehrspolitik für Bremen bedarf es einer Korrektur, um auf diese Verschiebung Antworten zu finden. Aus Sicht der Nachhaltigkeit kann auch Wasserstoff eine weitere Rolle in der Innovationspolitik und im Umbau der Wirtschaftsstruktur spielen, um insbesondere die Wettbewerbsfähigkeit bestehender Industriebranchen zu erhalten.

Finanzwissenschaftliche Aspekte

Die Finanzpolitik unter dem Regime der Corona-Krise steht vor besonderen gesamtwirtschaftlichen Herausforderungen. Da der Rückgriff auf das bisherige Instrumentarium zur Bekämpfung der Corona-bedingten finanziellen Situation nicht ausreicht, wird gezeigt, dass der Einsatz von langfristigen öffentlichen Krediten unumgänglich ist. Auf regionaler Ebene werden die finanzpolitischen Herausforderungen der Bundesländer am Beispiel des "Stadtstaats Bremen" mit seinen beiden Stadtgemeinden Bremen und Bremerhaven untersucht. Im Mittelpunkt steht dabei der durch Darlehen finanzierte "Bremen Fonds", der nach Möglichkeit zur Finanzierung einer sozialen und ökologisch nachhaltigen Politik dienen soll.

Globale Märkte und Wertschöpfungsketten

In einem vierten Block wird betrachtet, welchen Effekt die COVID-19-Pandemie auf den globalen Markt und somit Bremen als international vernetzten Standort hat. Der bremische Hafenstandort ist in Folge der Krise massiv durch den Angebots- und den darauffolgenden Nachfrageschock von einem Rückgang des Warenhandels betroffen. Die COVID-19-Krise wirkt auf den Strukturwandel und die Verlagerung beziehungsweise Veränderungen der Wertschöpfungsketten wie ein Brennglas der Entwicklung und könnte somit den Umbau der Hafenwirtschaft beschleunigen. Mit tiefgreifenden technischen Veränderungen gehen zudem Prozesse des Aufholens und des Zurückfallens von Wirtschaftsräumen einher. Weltwirtschaftliche Gravitationszentren verschieben sich. In der Folge könnten sich Auseinandersetzungen unter anderem um die technologische, wirtschaftliche oder militärische Überlegenheit mehren. Einerseits wirkt die gegenwärtige Pandemie als Verstärker für bestehende Trends, andererseits zeigt die Krise wie in einem Brennglas Probleme und Defizite auf.

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Autoren

Mirko Kruse
Dr. Jan Wedemeier

HWWI Policy Paper

Struktureller Umbruch durch COVID-19: Implikationen für die Innovationspolitik im Land Bremen